Schlafende Augen

Geistlicher Impuls Februar 2025

von Raimund Stockinger, Gemeindereferent und Geistlicher Prozessbegleiter

 
Schlafende Augen
 
„Ich wachte auf. Ein kühler Frühlingsmorgen. Vom Garten her hörte ich das Klick-Klack der Baumschere, Hannes war am Werk, der Gärtner. Später sah ich ihm zu, wie er mit Bedacht Zweig um Zweig prüfte, vom Ansatz am Ast bis zur dünnen Spitze. Wenn er zuschnitt, auch wenn ich nicht wusste, warum gerade an dieser Stelle, hatte ich das Gefühl: das stimmt, das tut dem Baum gut. «Den da hinten,» rief ich zu ihm hinauf, «den kleinen Apfelbaum, den müssen Sie wohl ganz abhauen, der Winter hat ihn arg mitgenommen, ich glaub' er ist tot.» Am Vormittag brachte ich einen Becher mit heißem Tee hinaus. Hannes stand am kleinen Apfelbaum und hatte ihm die paar Ästchen, die der Frost ihm gelassen hatte, auch noch abgeschnitten. Jammervoll sah er aus – keinen Pfifferling gab ich ihm. «Warum das?» fragte ich. «Er ist nicht tot, er soll sich mal anstrengen,» sagte Hannes und kratzte mit dem Fingernagel an der Rinde. «Sehen Sie, hier, innen drin, der Stamm und die Äste, da ist er noch in Ordnung, grün und frisch. Nur außen die Zweige, all der kleine Stackelkram, der muss weg, den kann er nicht mehr brauchen.» Ich konnte das nicht verstehen. «Aber so wird er keine Blätter kriegen, und dann kann er nicht leben und nicht atmen.» Hannes, der Vierländer Obstbauernsohn von der EIbe, nahm erstmal gemächlich einen Schluck Tee. «Kann er» sagte er dann, «kann er, da hat die Natur schon für gesorgt – jetzt muss er eben neue Triebe von innen rausholen. Gucken Sie mal, hier und hier und da und da, das sind Ansätze zu frischen Trieben. Und tausend andere sind noch da, die wir nicht sehen. Die hat jeder Obstbaum in Reserve. Und wenn's ihm mal dreckig gegangen ist, dann treibt er nochmal aus diesen kleinen Knubbeln. ‹Schlafende Augen› nennt man die.» Ich war auf der Stelle hingerissen von den kleinen Knubbeln und von dem Zauberstab, der sie anrührt im Augenblick höchster Not. Und von der Poesie ihres Namens: Schlafende Augen. Hannes scharrte mit dem Stiefel einen Kreis um den Stamm. «Und nun mach' ich ihm noch'n schönes warmes Bett aus Mist, bisschen Starthilfe muss so‘n Kümmerling ja haben – und dann lass ihn man.“ 
Aus: G. Loos: Spiel-Räume. Gustav Fischer Verlag Stuttgart 
 
Mir zeigt sich in dieser Geschichte ein Bild für unsere kirchliche Situation. Sicher kann man diese Geschichte ganz individuell deuten… Ich will die Deutung ganz Ihnen überlassen. Wir sehen in der Natur das ganz zaghaft aufbrechende neue Leben nach der Winterruhe. In unserem kirchlichen Leben können wir bei genauem Hinschauen die „schlafenden Augen“ sehen, hinter denen sich Gottes geistgewirkten Neuaufbrüche langsam entfalten. Ich wünsche Ihnen die Muße und eine gute Beobachtungsgabe, in unserer Kirche und Welt, diese neuen Lebenszeichen zu entdecken. Mit welchem „Bett aus Mist“ geben wir Starthilfe?