Zwei Unterschiede
Geistlicher Impuls November 2022
von Tobias Aldinger, Mitglied in der Koordinierungsgruppe „Prozesse geistlich gestalten“
Anfang der Woche bin ich über das Tagesevangelium gestolpert. Denn der Evangelist Lukas erzählt die Heilung des Blinden bei Jericho etwas anders als die berühmte Geschichte des Bartimäus im Markusevangelium. Zwei Unterschiede haben mich besonders hellhörig gemacht:
1. „Was hat das zu bedeuten?“ fragt der Blinde, als er den Trubel der Menschen wahrnimmt (Lk 18,36). Eine Frage, die mich ins Herz trifft: Es gibt Dinge, die ich mit meinen bisherigen Deutungsmustern nicht mehr erklären kann. Politische, soziale und kirchliche Turbulenzen bringen bisherige Wertefundamente ins Wanken. Was hat das zu bedeuten, was ich da in der Welt erlebe? Was hat das zu bedeuten, was ich in meiner Kirche erlebe?
Die biblische Antwort ist überraschend schlicht: „Jesus von Nazaret geht vorüber.“ (Lk 18,37)
Sie ist keine simple Antwort im Stil von populistischen Deutungsmustern. Sie gibt eigentlich keine Deutung, sondern stellt fest: Hier ist Jesus. Er geht vorüber. Der Satz hilft mir für erste eigene Deutungsschritte: „Lass dir sagen: Jesus ist da, gerade dann, wenn es turbulent ist. Und dieser Jesus bewegt sich. Geh ihm nach.“
2. Die zweite Überraschung ist für mich, dass Lukas die Gruppe derjenigen genauer beschreibt, die den bittenden Blinden zum Schweigen bringen wollen: Es sind die „Leute, die vorausgingen“ (Lk 18,39).
Lukas benennt hier Führungspersonen und eine der gefährlichsten Verlockungen in der Kirche: Verantwortliche versuchen die Begegnung von Jesus Christus und dem einzelnen Menschen zu kontrollieren. Diese Beziehung aber ist und bleibt unverfügbar. Gute Führungspersonen sind in dieser biblischen Erzählung also eher diejenigen, die den Blinden zu Jesus hinführen (Lk 18,40) und ihm zutrauen, dass er schon selbst weiß, was er braucht. Genau diese Frage stellt ihm Jesus dann auch: „Was willst du, dass ich dir tue?“ Das ist Subsidiarität pur.